Ein Hochzeitsmärchen

 

Dass sich zwei Menschen im Leben begegnen und beschliessen, einen Weg gemeinsam zu gehen, ist eigentlich wie ein Wunder. Aus diesem Grund wollen wir den heutigen Tag mit einer wunderlichen, märchenhaften Geschichte beginnen.

 

Der Prinz und Erbe eines grossen Reiches suchte viele lange Jahre sehnsüchtig eine würdige zukünftige Königin. In viele Länder sandte er Boten, die an den Königshöfen bei den heiratsfähigen Prinzessinnen werben sollten. Gar mancher kam mit abschlägiger Antwort zurück. Eine schöne Prinzessin aber liess sich betören, und ihre Herzen entbrannten in leidenschaftlicher Liebe. So zog der Prinz aus, um sie in sein Reich heimzuführen. Mit einer prächtigen Verlobungsfeier verabschiedete sich die Stadt von ihrer geliebten Königstochter. Zahllose Edelleute und Gäste aus allen Teilen der Welt folgten dem Ruf zum Fest und überschütteten das Brautpaar mit Geschenken und guten Wünschen. Unter Ihnen war unerkannt auch eine gute Fee, die dem Paar eine kleine, unscheinbare Blume überreichte.

„Tragt Sorge zu diesem zarten Pflänzchen, damit es wachse und gedeihe. Reiche Früchte werdet ihr davon ernten können,“ sagte die Fee.

Das Brautpaar wunderte sich über das sonderbare Geschenk und vergassen es bald im rauschenden Fest. Drei Tage feierten sie. Berge von Speisen wurden verzehrt, Flüsse von Wein getrunken und es wurde getanzt, dass die Sohlen glühten.

 

Alsbald bestieg das Paar eine prächtige Kutsche, bis zum Rand gefüllt mit Geschenken, gezogen von zwölf Schimmeln, und machte sich auf den Weg. Eine lange Reise lag vor ihnen. Sie genossen die ersten Tage der Zweisamkeit. Keine düsteren Wolken trübten ihre junge Liebe. Dabei vergassen sie jedoch nicht, das kleine Pflänzchen der guten Fee zu hegen, das auch kräftig gedeihte.

In den dunklen Wäldern wohnte jedoch Stunk, der hässliche Kobold. Einem normalen Menschen reichte er nur bis zur Brust, und das mit Schugrösse 60. Lange Haarbüschel sprossen aus Nase und Ohren, und ein Gestank war um ih herum, der alles Leben welken liess. Und dieses gräusliche Getier trieb da sein Unwesen. Glück und Liebe waren ihm ein Graus. Wo er nur konnte, versuchte er, diese zu zerstören.

Ein gefundenes Fressen waren da der Prinz und seine holde Prinzessin, die seinen Wald ahnungslos und kein Unbill erwartend durchquerten. Manch teuflischen Fluch kannte Stunk, der Kobold. Sein Lieblingsfluch für junge Liebespäärchen war der Fluch „Babylon“. Jeder damit Verfluchte war sofort unfähig, die Sprache der anderen Menschen zu verstehen.

Sobald das Brautpaar den Wald betreten hatte, schleuderte Stunk, der Kobold, den Fluch auf das Paar. Ohne zu wissen, was geschehen war, konnte die Prinzessin auf einmal ihren Geliebten nicht mehr verstehen. Zwar verstand sie seine Worte, sie schienen ihr aber ohne jeden Sinn. Sie glaubte zunächst, er spräche im Fieber, und fragte ihn nach seinem Befinden. Ebenso erging es dem Prinzen, und sie redeten aufeinander ein, ohne den anderen zu verstehen. Immer verzweifelter und hitziger wurde ihr Gespräch. Stunk freute sich diebisch an dem hysterischen Geschnatter der beiden. Das Liebesgeflüster war Streit gewichen, und die Pflanze, die so schön gediehen war, senkte den Kopf und welkte dahin.

Tage vergingen ohne Besserung. Doch die kluge Prinzessin kam auf den Gedanken, dass sie von einem bösen Zauber befallen worden waren. Wie ihm zu entrinnen war, wusste sie aber nicht. Als sie darauf mit traurigem Blicke aus dem Kutschenfenster schaute, stand da plötzlich die Frau, die am Feste ihnen die Blume schenkte.

„Halte ein, Kutscher“ rief sie. Sie öffnete die Tür und ging zu der Frau am Wegrand.

„Gute Frau, was macht Ihr hier am Wegesrand?“

Die Fee antwortete nicht auf diese Frage, sondern sah die Prinzessin genau an und fragte: „Was blickst du so traurig, Prinzessin?“

„Mein zukünftiger Gemahl und ich verstehen uns nicht mehr. Plötzlich schien es mir, als rede er eine völlig andere Sprache.“

„Ein böser Zauber ergriff Euch, Prinzessin, und Euren Verlobten. Ein mächtiger Kobold treibt sein Unwesen im dunklen Wald. Liebende sind seine bevorzugten Opfer.“ Die Prinzessin sank verzweifelt zu Boden. Da sagte die Fee: „Ich weiss allerdings den Fluch zu lindern.“

„Wer seid ihr, gute Frau?“, fragte die Prinzessin hoffnungsvoll.

„Eine Fee und Beschützerin der Liebe. Der Fluch ist aber sehr stark, und auch ich kann ihn nicht ganz aufheben. Weiterhin und bis in alle Zukunft müsst Ihr Euch sehr genau zuhören, um Euch gegenseitig zu verstehen. Nehmt diesen Trank und trinkt ihn in der ersten Stunde nach Mitternacht.“

Die Fee reichte der Prinzessin ein bronzenes Fläschchen und verschwand.

Inzwischen war der Prinz ebenfalls der Kutsche entstiegen und hatte den Worten der Fee ebenfalls gelauscht. Sie tranken das Elixir zur beschriebenen Stunde und siehe da, sie konnten sich wieder verstehen. Überglücklich fielen sie sich in die Arme, und die Pflanze blühte wieder auf.

 

Mit dem wiedergewonnen Glück fuhren die beiden weiter. Einige Tage später rasteten sie auf einer kleinen Lichtung. Sie hatten eine Decke auf dem blumenübersäten Gras ausgebreitet und assen ihr Mittagsmahl. Sie genossen die wärmende Sonne und schauten den Schmetterlingen zu, die von Blüte zu Blüte flatterten. Da kam aus dem Wald ein kleines Tier gerannt und blieb einige Schritte vor ihnen stehen. Es glich entfernt einem Eichhörnchen, war aber etwa so gross wie eine Katze. Entzückt betrachtete das Paar den Besucher.

„Was ist das für ein süsses kleines Ding?“ fragte die Prinzessin.

„Das kann ich dir auch nicht sagen. Noch nie sah ich eines seiner Art.“ Der Prinz brach ein kleines Stück von seinem Brot ab und streckte es dem Tier entgegen.

„Komm, mein Kleiner. Hast du Hunger?“ Das Tier kam in seinem hüpfenden Gang näher zu ihnen und ass dem Prinzen das Brotstück aus der Hand.

„Nein, wie niedlich,“ sagte die Prinzessin hingerissen und versuchte es zu streicheln. Es liess es geschehen und ass eine weiteres Stück Brot, das der Prinz ihm hingetreckt hatte.

„Von dem Schinken hätte ich auch gern ein Stück,“ sagte das Tier da auf einmal. Das Brautpaar bekam einen gehörigen Schreck, als dieses pelzige kleine Ding plötzlich zu sprechen anfing.

„Du kannst sprechen?“ fragte die Königstochter überrascht.

„Du musst den Verstand verloren haben, arme Frau. Können Tiere denn sprechen?“ fragte dieses keck zurück. Die Prinzessin war sich nicht sicher, ob vielleicht schon wieder ein Zauber über sie gekommen war.

„Du hast es doch auch gehört?“ fragte sie ihren Verlobten.

„Ja, der kann sprechen. Wer bist du?“

„Nicht euer Freund, wenn ihr den Schinken ganz alleine essen wollt.“

„Natürlich bist du unser Gast,“ entgegnete der Prinz.

„Darauf sollten wir unbedingt anstossen,“ kam da bereits der nächste Wunsch.

„Leider sind wir auf Gäste nicht vorbereitet. Es ist kein Glas mehr da,“ entschuldigte sich die Prinzessin.

„Reich mir nur die Flasche, das ist kein Problem.“ Es nahm sich die Flasche gleich selber und trank einen ordentlichen Schluck.

„Ein guter Tropfen, muss ich schon sagen,“ sagte es darauf. „Kann man von Königskindern ja aber auch erwarten.“

„Du scheinst uns zu kennen?“ fragte der Prinz.

„Na klar, ihr und eure Hochzeit seid doch DAS Gesprächsthema auf allen Marktplätzen. Ich kann doch annehmen, dass ich auch eingeladen bin?“

„Nichts würde uns mehr freuen,“ meinte die Prinzessin, die den kleinen Kerl längst ins Herz geschlossen hatte.

„Gut, und damit ich auch rechtzeitig hinkomme, werde ich gleich mit euch fahren. - Keine Angst, ich werde mich an den Kutscher halten, der wird sich über etwas Gesellschaft sicher freuen.“

„Hast du auch einen Namen?“ wollte die Prinzessin noch wissen.

„Der ist geheim, aber ihr könnt mir einen geben.“

„Wie wärs mit Andalemo?“ schlug sie vor.

„Andalemo! Klingt total bescheuert,“ meinte es dazu, „aber mir solls rechts sein.“

 

Weitere Tage waren vergangen, als die beiden durch einen lichten Wald spazierten. Eine kurze Erholung vom langen Fahren.

„Siehe, eine Quelle“ rief plötzlich der Prinz und rannte zu dem sprundelnden Wasser. Sie erquickten sich beide von dem erfrischenden Nass und wollten schon weiter des Weges ziehen, als eine liebliche Stimme aus dem Wasser ertönte.

„Wer trank aus meinem Schoss?“ Eine kleine Wassernymphe entstieg dem Wasser und schwebte vor ihnen.

„Entschuldigt, liebliches Wesen, dass wir eure Ruhe störten,“ antwortete die Prinzessin.

„Zum Trinken bin ich da“ entgegnete die Nymphe, „und guten Menschen gewähre ich einen Wunsch. Was an eurem Wesen würdet ihr gern ändern? Welche Fähigkeit wünscht ihr euch? Lasst es mich wissen, es soll euch erfüllt sein.“

„Mut, Tapferkeit und List im Kriege,“ wünschte sich der Prinz nach kurzer Überlegung.

„So soll es sein,“ antwortete die Nymphe. „Und ihr Prinzessin? Was ist euer Wunsch?“ Die Prinzessin dachte lange nach.

„Keine Eigenschaft oder Fähigkeit soll mir geschenkt werden. Ich möchte lernen, was ich können muss und mir erarbeiten, was ich an meinem Charakter ändern möchte.“

Die Nymphe tauchte wieder zurück ins Wasser, und der Prinz und die Prinzessin machten sich schweigend wieder auf den Weg zur Kutsche.

„Warum wünscht er sich ausgerechnet Kriegslist?“ fragte sich die Prinzessin im Stillen. „Ist das wirklich das Wichtigste in seinem Leben?“

Auch der Prinz hatte Mühe mit der Entscheidung seiner Geliebten. „Wenn man etwas verbessern kann, sollte man es nicht so schnell wie möglich tun?“

Sie kamen zurück und bestiegen ihr Gefährt. Die Pflanze senkte unbemerkt von beiden den Kopf.

„Herrscht wohl dicke Luft bei den beiden“ sagte da der Kutscher, der mit Andalemo etwas abseits am Feuer sass.

 

„Ich verstehe deinen Wunsch nicht. Ist es denn der Krieg, der dir am wichtigsten ist? Sind nicht andere Dinge wertvoller im Leben?“ konnte die Prinzessin ihre Frage nicht länger zurückhalten.

„Angriffslustige Barbaren fallen immer wieder über die Dörfer meines Reiches her. Den Menschen Sicherheit zu geben, gehört zu den Pflichten eines Königs. Zuvorderts in der Schlachtreihe sollte er stehen, wenn er sein Heer in den Krieg führt. Bis jetzt führte ich noch nie ein Heer. Doch mein Vater ist alt und will mir diese schwere Bürde übertragen. Sorgen bereitete mir der Gedanke zu versagen. Da erschien mir dieser Wusch sinnvoll. Doch erkläre mir selber, warum du dir nichts gewünscht hast. Gibt es denn nichts an dir, das du gerne ändern würdest?“

„Natürlich gibt es tausend Dinge, die ich gerne könnte, tausend Fehler, die ich täglich an mir sehe. Doch nur die Früchte, die ich selber hervorgebracht habe, schmecken mir wirklich süss. Wie schnell ein jeder seinen Weg gehen will, soll ihm selbst überlassen sein.“

Er begann sie zu verstehen und erkannte das edle Wesen hinter ihrer Tat. Auch sie bewunderte seine Sorge um die Bürger seines Reiches und sein Pflichtgefühl. Beide gelobten sich, den Weg des anderen vertrauensvoll zu begleiten.

Am Abend, bevor sie sich schlafen legten, goss die Prinzessin die Pflanze mit Wasser. Kräftig war sie gewachsen und hatte neue Blüten getrieben.

 

Die Reise neigte sich ihrem Ende zu. Doch noch bevor sie die prächtige Königsstadt erreichten, gebar die Prinzessin ihren ersten Sohn. Gross war die Freude über den stattlichen Jungen, und sie konnten es kaum mehr erwarten, endlich am Ziel ihrer Reise anzukommen.

Mit Fanfaren und Posaunen hiessen die Stadt und die Königsfamilie das junge Brautpaar mit seinem Söhnchen willkommen. Zu Tränen gerührt schlossen der weise König und seine gütige Königin ihre Schwiegertochter und den Enkel in die Arme.

Sofort wurde mit den umfangreichen Vorbereitungen für das Hochzeitsfest begonnen. Beim nächsten Vollmond sollte der Ehebund geschlossen werden.

Nach der freudigen Heimkehr bezogen der Prinz und die Prinzessin mit ihrem Sohn ihre Gemächer. Da der Hof erst kurz vor ihrer Ankunft erfahren hatte, dass ihnen ein Kind geboren ward, hatte die Dienerschaft das Kinderzimmer noch nicht fertig hergerichtet. Sofort machte sich die Prinzessin daran, es nach ihren Vorstellungen umzugestalten, derweilen der Prinz sich endlich wieder einmal ein heisses Bad genehmigte. Er entledigte sich seiner Kleider, die er weit verstreut auf dem Fussboden liegen liess. Eine Angewohnheit, über die sich die Prinzessin wunderte. Als er dem Bade entstiegen war, richtete die Prinzessin soeben den Tisch. Alles musste seinen richtigen Platz haben. Auch seine Kleider waren säuberlich zusammengefaltet auf einem Stuhl. Danach fand sich die Königsfamilie zum ersten gemeinsamen Mahl im prächtigen Speisesaal ein. Ein herrliches Abendessen wurde serviert; danach zog sich das Brautpaar wohl gesättigt zur Nachtruhe zurück.

In ihrem Schlafgemach angekommen, entledigte sich der Prinz flink seiner Kleider, liess sie wieder überall herumliegen und legte sich ins Bett. Die Prinzessin beobachtete die neuerlich entstehende Unordnung mit leichtem Ärger. Fein säuberlich faltete sie seine Kleider zusammen, ebenso den kostbaren Brokatbettüberwurf. Schliesslich waren weitere Kleinigkeiten noch in Ordnung zu bringen, derweilen der Prinz ungeduldig und leicht verstimmt das pedantische Treiben beobachtete.

 

Am folgenden Tag, als die Königsfamilie eben über der umfangreichen Gästeliste brütete, trat Kobold Stunk in Gestalt des königlichen Kriegsministers an den Prinzen heran. Mit dringlichen Gesten zog der vermeintliche Minister den Prinzen in eine Nische. „Schlechte Nachrichten, Majestät, muss ich Euch leider überbringen. Die schändlichen Barbaren machen wieder einmal unsere Grenzen unsicher. Die Bürger der betroffenen Gegend würden es wohl kaum verstehen, wenn der Prinz in einer solchen Lage zuhause bei seiner Familie und den Hochzeitsvorbereitungen bleiben würde. Ich fürchte, Eure Anwesenheit wird unbedingt erforderlich sein.“ Das Pflichtbewusstesein und die Sorge um sein Ansehen liessen den Prinzen nicht mehr los. Er verabschiedete sich kurz von seiner Braut und ritt davon. Traurig, aber mit Verständnis, blieb die Prinzessin allein zurück. Wochen lebte die Prinzessin einsam in ihren Gemächern. Selbst Andalemo liess sich kaum blicken. Nur ihr kleiner Sohn brachte etwas Sonnenschein in ihr Leben.

Als sich die Lage an der Grenze beruhigt hatte, kehrte der Prinz in die Königsstadt zurück. Gross war die Freude über das Wiedersehen. Glückliche Tage der Zweisamkeit kehrten wieder. Auch die Hochzeitsvorbereitungen wurden wieder aufgenommen. Doch der Prinz warf weiterhin seine Kleider auf den Boden und zeigte auch in anderen häuslichen Belangen wenig Sinn für Ordnung. Die Prinzessin hingegen war nur zufrieden, wenn alles auf das Ordentlichtste aufgeräumt war. Der Prinz und die Prinzessin gossen und düngten die Pflanze oft, doch schien es ihnen, als wolle sie nicht so recht gedeihen.

Stunk, dem Kobold, war dies noch lange nicht genug. Als ein Gesandter aus einem befreundeten Reich um den  Beistand als Vermittler des Königs bat, trat der Kobold wieder in Gestalt eines Vertrauten des Prinzen auf und legte ihm nahe, diese Aufgabe seinem Vater abzunehmen.

„Was willst du jetzt schon wieder wegeilen.“ fragte ihn seine Braut. „Dein Vater wurde gebeten zu gehen, und schliesslich ist immer noch er der König. Warum willst du deswegen die Hochzeit nochmals aufschieben?“

„Ich kann mich meiner Verantwortung als zukünftiger König nicht entziehen. Heiraten können wir auch später. Wichtigere Angelegenheiten erfordern nun meine Aufmerksamkeit.“

„Du bist nicht nur ein zukünftiger König, sondern auch ein zukünftiger Ehemann und ein Vater. Nur wenn dir dies genauso ein Lebensanliegen ist wie deine Aufgabe als Regent, will ich deine Frau werden. Auch mir, unserem Kind und unserem Heim muss deine Aufmerksamkeit gehören. Deine Nachlässigkeit diesen Dingen gegenüber zeigt sich auch, wenn du dauernd deine Kleider rumliegen lässt.“

Wütend entgegnete der Prinz: „Und du siehst nur unser Heim und kommst aus dem immerwährenden Aufräumen nicht hinaus. Hast du den Blick auf die Welt ausserhalb denn ganz verloren?“

Die Prinzessin wollte schon mit böser Zunge antworten, als Andalemo pudelnass mit einem Schwert in der Hand den Raum betrat.

„Oh, streitet nur weiter,“ sagte er, „ich bin gleich wieder weg.“

„Was machst du mit meinem Schwert?“ fragte der Prinz verdutzt.

Er fühlte sich ertappt. „Die Prinzessin hatte schon recht, wenn sie sagte, du solltest etwas besser aufräumen“, begann er sich zu verteidigen. „Solche Dinge geraten sonst leicht in falsche Hände.“

„Mein Schwert geriet in falsche Hände?“

„Das muss man wohl so sagen.“

„In wessen Hände?“ führte der Prinz das Verhör weiter.

„In meine. – Und jetzt ist der Kopf weg.“

„Wer hat den Kopf weg?“

„Die Statue.“

„Du hast eine Statue geköpft?“

„Exakt. Das heisst, ich wollte sie nicht gleich köpfen. Wir hatten nur spasseshalber ein bisschen gefochten. Aber man sieht ja nichts in diesem Helm.“

„Welcher Helm?“

„Der beim Schwert lag.“

„Mein kostbares Stück mit dem roten Federbusch?“

„Genau der.“

„Und wo ist der jetzt.“

„Im Bach. Ich verlor ihn, als ich den Abhang hinab rollte.“

Jetzt konnte sich die Prinzessin nicht mehr beherrschen und begann laut loszulachen. Auch das Gesicht des Prinzen heiterte sich merklich auf bei der Vorstellung, wie der kleine Kerl sich in einem Helm, der ihm bis zu den Knien reichte und einem Schwert, das er kaum hochheben konnte, mit einer Statue duellierte.

Wie aus dem Nichts aufgetaucht, stand die gute Fee auf einmal bei ihnen.

„Ihr seid wirklich zwei Glückspilze,“ sprach sie und blickte auf Andalemo. „Wer diesen Gesellen bei sich weiss, dem fällt das Leben nur halb so schwer. Doch nehmt euch in Acht vor dem Kobold, der euch jederzeit unbemerkt auseinandertreiben will. Er war es, der euren Blick für den Anderen vernebelte und euch in den Streit getrieben hat.“

Der Prinz und die Prinzessin erkannten deutlich, wie einseitig sie geworden waren.

„Wie können wir uns gegen diesen Kobold wehren?“ fragte die Prinzessin verzweifelt.

„Haltet in Ordnung euer Haus und euer Reich. Ordnung meidet er. Haltet Frieden mit euch und euren Untertanen. Frieden verscheucht ihn. Lebt die Liebe. Liebe beschützt euch vor allem Bösen. Es bedarf der täglichen Arbeit, aber wenn ihr sie leistet, könnt ihr glücklich werden. Und nun lasst und Hochzeit feiern! Schon zu lange habe ich nicht mehr getanzt.“

„Willst du nicht unsere Trauzeugin sein?“ fragte die Prinzessin.

„Liebend gern!“ Und kaum hatte die Fee das gesagt, war sie so wunderlich verschwunden, wie sie aufgetaucht war.

„Nie mehr soll der Kobold mich um seinen Finger wickeln können,“ sagte der Prinz entschlossen. „Ich habe gar nicht gemerkt, wie weit ich mich von dir entfernt habe. Das soll nicht noch einmal vorkommen. Unsere Ehe soll mir ebenso wichtig sein wie das Königsamt. Ich werde deshalb diese Reise nicht machen.“

Die Prinzessin freute sich und sagte nun ihrerseits: „Und ich werde zukünftig meine Aufgabe als Königin auch wahrnehmen. Vermittlerin scheint mir genau das Richtige für mich zu sein. Bei einer anderen Gelegenheit werde ich deinen Vater begleiten.“

Voller Liebe umarmten sie sich und verziehen einander.

 

Wenige Tage später war der grosse Tag gekommen. Die Stadt und seine Bewohner hatten sich herausgeputzt, Gäste aus allen Winkeln des Reiches und auch aus fernen Ländern waren angereist. Als die Prinzessin an diesem Tag erstmals aus dem hohen Trumfenster in ihren Garten blickte, war dieser übersät von ebendiesen Blumen, wie sie sie damals von der guten Fee geschenkt bekommen hatten. Und auch ausserhalb des Hofes waren diese Blüten überall zu sehen. Der Prinz trat zur Prinzessin, als plötzlich die gute Fee das Gemach betrat.

„Sag mir, weise Freundin, was hat es mit dieser Blume auf sich?“

„Es ist die Blume des Vertrauens,“ antwortete die Fee. „Am Anfang euerer Reise schenkte ich euch ein zartes Blümchen, das nun kräftig herangewachsen ist, wenn es auch Dürren erlebte. Solange eure Ehe blüht, tut es auch die Blume. Stirbt eure Liebe, wird die Blume verdorren. Sie ist mächtig und zerbrechlich zugleich. Tragt grösste Sorge zu ihr, und sie wird euch Kraft spenden.“

Die Fee zog einen kunstvoll gefertigten Spiegel aus ihrem Kleid und reichte ihn dem Prinzen.

„Was ist das?“ fragte der Prinz.

„Mein Hochzeitsgeschenk.“

„Ein Spiegel?“

„Ein Zauberspiegel. Wenn ihr an euren Geliebten denkt, während ihr in den Spiegel schaut, könnt ihr damit in sein Herz sehen. Es braucht etwas Übung, bevor man versteht, was man da sieht, aber es wird sich der Aufwand lohnen. Also gebraucht ihn oft, so wird er euch nützlich sein. Doch nun wird es Zeit, die Kutsche wartet.“

In einer offenen Kutsche fuhr das Brautpaar durch die Strassen. Tausende säumten den Weg und jubelten ihnen zu. So erreichten sie den mit festlich gekleideten Männern und Frauen gefüllten Marktplatz, wo die Zeremonie stattfinden sollte.